Mittwoch, 22. 11. 2017

Schulsozialarbeit ist gefährdet

Finanzierung ab 2014 ungeklärt
Die Schüler der letzten 18 Monate hatten Glück. Knapp 1.500 Schulsozialarbeiter in Nordrhein-Westfalen kümmerten sich um ihr Wohlergehen, wenn sie Sorgen und Nöte hatten.

Doch in Zukunft wird es möglicherweise niemanden mehr geben, der sie mit solch tatkräftiger und professioneller Hilfe unterstützen kann. Denn wie die Schulsozialarbeit, die drei Jahre lang durch Bundesmittel gesichert war, ab 2014 finanziert werden soll, ist noch ungeklärt. Die Tür zu seinem Büro in der vierten Etage steht meist offen. Er ist der Ansprechpartner für die 2.500 Schüler des Elberfelder Berufskollegs, einer der größten Schulen Wuppertals. Wenn es Konflikte gibt, vermittelt er. „Mein Verhältnis zu den Schülern ist gut und unbelastet. Ich gehöre nicht zum Sanktionsapparat“, sagt Schulsozialarbeiter Artur Coban im Gespräch mit HEINZ. Auf seinem Programm stehen u.a. freizeitpädagogische Maßnahmen wie zum Beispiel Klettern. Intensive Gespräche begleiten die Arbeit des engagierten Sozialarbeiters, der über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung verfügt. Ob Mobbing, Schulwechsel oder Schwangerschaft: Er berät Schüler nicht nur in allgemeinen Lebensfragen, sondern betreut sie auch psychosozial.

359 Schüler suchten seit November 2011 Hilfe bei ihm, davon 221 mit Migrationshintergrund. Er führte mehr als 500 Gespräche. Wenn massive Probleme vorliegen, stellt er Kontakte her zu Institutionen wie der Zentralen Fachstelle für Wohnungsnotfälle, dem Jobcenter und der Drogenberatungsstelle. Bei solchen Fällen habe die Schulsozialarbeit die Funktion der Feuerwehr, sagt er. Die Liste der Institutionen, mit denen der erfahrene Sozialarbeiter kooperiert, ist lang.

Ob die Schüler über 2013 hinaus von seinen professionellen Hilfeleistungen profitieren können, ist zurzeit unklar. Für die entstehenden Kosten, die in den vergangenen drei Jahren durch Bundesmittel gesichert waren, gibt es für die Zukunft noch keinen Träger. Einige Bundesländer wollen die Schulsozialarbeit aus eigenen finanziellen Mitteln bestreiten; das Land Nordrhein-Westfalen jedoch möchte, dass der Bund die Kosten übernimmt. Wenn über diese Frage am 20.9. bei der Bundestagssitzung keine Einigung zustande kommt, steht zu befürchten, dass die „Feuerwehr“ ihren Dienst einstellen muss.

Dass Schulsozialarbeit im Sinne der Prävention wichtig ist, darüber sind sich sowohl Politiker als auch Lehrer einig. Um die erfolgreiche Arbeit der Schulsozialarbeiter über das Jahr 2013 dauerhaft zu sichern, appellierten im Elberfelder Berufskolleg am 21.6.2013 Lehrer und Schüler an die vier Wuppertaler Bundestagsabgeordneten Jürgen Hardt (CDU), Manfred Zöllmer (SPD), Hermann E. Ott (Bündnis 90/Die Grünen) und Manfred Todtenhausen (FDP).

1.000 Unterschriften waren bei einer Aktion des Berufskollegs Elberfeld gesammelt worden. Ein Taschentuch mit Knoten und die Unterschriften in einer roten Mappe wurden den Wuppertaler Bundestagsabgeordneten in der achten Etage, der „Ökostation“, des Elberfelder Berufskollegs übergeben, während Schulsozialarbeiter Coban in seinem Büro in der vierten Etage seiner Arbeit nachging. Eine Tätigkeit, die der 48-Jährige als „Traumjob“ ansieht, denn sie sei fast hierarchiefrei und er habe zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten. Bevor bei der Bundestagssitzung am 22.9. für ihn eine der wichtigsten Entscheidungen bezüglich seiner weiteren beruflichen Aktivitäten an der Schule getroffen wird, geht’s für ihn erst einmal in die Ferien. „Ich fahre nach Russland“, sagt er, „mit dem Motorrad“.

Dagmar Tigges

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